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Dr. Stefan Wolter
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Kurze Chronologie der Geschichte von Block V (Bereich geplante Jugendherberge)*
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1935 Im Sommer wird der Bau von fünf KdF-Seebädern mit einem Beherbergungsvermögen von je 20.000 Personen an der Ostsee bekannt gegeben.
1936 In Prora beginnen die Arbeiten am ersten von fünf geplanten KdF-Seebädern. Der Entwurf (bis auf die zentrale Festhalle) stammt von Clemens Klotz.
1939-45 Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges werden die Arbeiten am Seebad eingestellt. Nach Kriegsende werden Teile des Rohbaus demontiert und gesprengt.
1945-55 Die 2. Artillerie-Brigade der Roten Armee zieht ein, auch Flüchtlinge wohnen in Prora. Grundbesitzer aus Thüringen werden interniert.
1962-1981 Das Fallschirmjäger-Bataillon 5 wird in Block V stationiert.
1982-1990 Das Pionierbaubataillon „Mukran“ zieht ein. Es besteht aus der PiBB (Stab, eine Sicherstellungskompanie, eine technische Pionierbaukompanie, zwei Pionierbaukompanien) und der Baueinheit 2 („Führung“, vier Baukompanien mit Bausoldaten). Das Bataillon ist dem Chef „Pionierwesen des Ministeriums für nationale Verteidigung“ direkt unterstellt. Die technische Ausrüstung besteht aus 32 LKW (Typen der UdSSR und der DDR), acht Kränen ADK 12,5 t, elf Kippfahrzeugen, sechs Baggern T 174, drei Baggern UB 12, drei Radladern). Die Aufgabe besteht in der Unterstützung aller Hauptauftragnehmer für den Bau und die Inbetriebnahme des Eisenbahnfährhafens Mukran. Ein wichtiger Schwerpunkt ist zunächst der „Wasserbau“ für die Errichtung der Fähranleger.
1982 Verweigerer der Waffe werden in Block V einbestellt. Sie werden beim Bau des Hafens Mukran eingesetzt und sind vor allem in den Anfangsjahren (Bau des Fähranlegers in Unterwasserglocken) extremen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Es existieren bald vier Kompanien mit bis zu etwa 600 Bausoldaten. Die Dienstzeit beträgt anderthalb Jahre. Untergebracht sind die Bausoldatenkompanien in den drei oberen Etagen von Block V.
1989/90 Auflösungstendenzen in Prora. Die Bausoldaten werden im zivilen Sektor eingesetzt. Die Einheit wird 1990 aufgelöst.
1991/92 Am KDL (Kontrolldurchlass) weht die bundesdeutsche Flagge. Prora ist der Bundeswehr unterstellt. Bis Ende 1992 wird Prora als Militärstandort endgültig aufgegeben. Bildliche Darstellung ist noch immer streng untersagt.
1993/94 In Block V wohnen Asylbewerber, vornehmlich aus den Krisengebieten des Balkans.
1995 Block V steht leer, das Mobiliar ist noch fast vollständig vorhanden. Der Baustab (unter der zweiten Baukompanie gelegen) ist verwüstet. Der Ort beginnt zur Pilgerstätte ehemals Betroffener zu werden. Prora ist endlich ein frei zugänglicher Ort, an dem die eigene Aufarbeitung des Erlebten möglich ist. Zahlreiche Inschriften an den Wänden künden von der Drangsal junger Männer, die hier zehn Jahre zuvor dem autoritären System ausgeliefert waren. Etwa: „1 ½ Jahre des Lebens wurden mir hier versaut“, „Die armen Menschen, die hier gelebt haben“ etc.
2000 Block V wird geplündert und zerstört. Fenster und Türen sind in den oberen Geschossen noch weitgehend intakt. Der Regimentsclub (Holzoper) wird abgerissen. Nach und nach verschwinden die Symbole des Baubataillons in den Lichthöfen. Zäune werden abgebaut, das Tor zum Gelände verschwindet.
2003 Im Bereich des Blocks V findet das erste „Jugendevent Prora 03“ statt. Im Vorfeld wird der Block vollständig entkernt und damit zur Ruine hergerichtet. Der Block ist dem Verfall preisgegeben.
2005 Seit dem Frühjahr existieren Pläne des Landkreises Rügen, den Block zwecks einer dauerhaften Jugendherberge zum Zweck der Sicherung weiterer „Events“ vor Ort zu erwerben.
2006 Im Juli findet das „Jugendevent Prora 06“ statt. Im September erwirbt der Landkreis den Block vom Bund zum symbolischen Kaufpreis von einem Euro.
2007 Im Gelände vor Block V entsteht ein Campingplatz. Zahlreiche Rodungen verhindern die künftige Identifizierung des ehemaligen Schwarzplatzes (Appellplatz). Die Überreste der Tribüne werden zurückgebaut, aus dem Boden zahlreiche Altlasten geborgen. Sie verzögern die Einweihung des Zeltplatzes um fast zwei Monate, werden aber offenbar nirgendwo dokumentiert. In Block V werden umfangreiche Bauuntersuchungen vorgenommen. Die Substanz ist schlecht. Viele ehemalige Bausoldaten nutzen die Möglichkeit, noch einmal ihre Zimmer aufzusuchen. Zahlreiche neue Inschriften entstehen. Zum Teil erinnern sie an eine Kontaktbörse.
* (nach dem derzeitigen Wissensstand, Ergänzungen und ev. Änderungen erbeten. Unklarheiten bestehen vor allem über die Tätigkeiten/Unterbringung der Bausoldaten in Prora in den sechziger und siebziger Jahren)
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„Erinnerung braucht einen Ort, an den sie sich knüpfen kann“ (Der „Prinz von Prora“ im Spiegel der Kritik, 2007, S. 190)
Das „Jugendevent Prora 06“ (Anfang Juli 06) nahm ich zum Anlass, um mit einer Lesung aus meinem Buch „Hinterm Horizont allein – Der ‚Prinz’ von Prora“ (2005) auf die Brisanz der Orte Prora/Mukran aufmerksam zu machen: Orte, an denen Unangepasste und Oppositionelle der DDR physisch ausgebeutet und psychisch gedemütigt wurden. Anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung des Archivs Bürgerbewegung Leipzig e.V. „Graben für den Frieden“ gab es zudem eine Gesprächsrunde unter anderem mit Bernd Eisenfeld. Das Interesse hielt sich allgemein in Grenzen. Im Anschluss an die Lesung aber betrat ich zusammen mit dem Historiker Dr. S. (Rügen) erstmals nach zehn Jahren wieder den inzwischen entkernten Bau. Die authentischen Orte der Bausoldaten waren vor Ort offensichtlich niemandem mehr bekannt. Dr. S. vom Prora-Zentrum e.V. stimmte mit mir in der Ansicht überein, dass es Bemühungen geben müsse, die wenigen identifizierbaren Orte zu erhalten. Dazu zählte in erster Linie der beklemmende Duschsaal sowie der Klubraum der zweiten Kompanie mit seiner gemalten Rügenkarte. Nachdem im Herbst 2006 der Landkreis Rügen Block V erworben hat, begann relativ schnell die Erschließung des Geländes. Bis über den ehemaligen Hubschrauberlandeplatz hinaus (jetzt befindet sich hier eine Bühne) erstrecken sich seit Frühjahr diesen Jahres feine Rasenflächen mit Stellplätzen für Zelte. Die ehemalige Turnhalle wurde inzwischen zu einer modernen Mehrzweckhalle umgebaut, das Wachhäuschen am ehemaligen KDL mit einer freundlichen Holzverkleidung nahezu unkenntlich gemacht. Die Kaserne ist zur Zeit ein zerbröckelnder Steinhaufen, deren Anblick vor allem für diejenigen heilsam sein muss, die noch immer unter Träumen von Prora leiden. Manch einer wird den Verfall gut heißen, manch einer würde die Anlage sogar gern „entsorgt“ wissen. Anderen wird der Umgang mit Prora gleichgültig sein. In Gleichgültigkeit und Verdrängung aber besteht eine Gefahr. Inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die mit DDR-Geschichte nicht mehr viel anzufangen weiß. Vor Ort wird die Geschichte noch immer verzerrt dargestellt. Das darf nicht schweigend hingenommen werden, denn Schweigen bedeutet Zustimmung. Auch wenn es schwer fällt: Erinnerung trägt zur Aufklärung bei. Prora ist inzwischen unter vielen Jugendlichen ein Synonym für Party und Spaß. Ihnen muss erklärt werden, was Prora vor wenigen Jahrzehnten für einen jungen Menschen bedeutet hat. Nun, wo Block V zu einer noblen Jugendherberge umgebaut wird (ein Vorgeschmack liefern die beiden erwähnten historischen Gemäuer), wird so gut wie nichts mehr erkennbar bleiben von dem grauen Betonmonster, wie es sich uns dargestellt hat. Zu bedauern ist außerdem, dass Block V wegen des Zeltplatzes künftig nicht mehr frei zugänglich sein wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass viele derjenigen, die mit ihrer Aufarbeitung beginnen wollen, diesen authentischen Ort benötigen. Zwar haben wir uns auch mit dem Klubraum nicht identifizieren können, doch ist es der einzige unverwechselbare Ort, für den es eine Chance geben könnte, darin mit einer Dauerausstellung an die Bausoldaten von Prora zu erinnern. Dort hinein gehören dann auch Informationen über paramilitärische Strukturen und die Baueinheiten in der DDR im Allgemeinen sowie ein Appell zu Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit in der heutigen Gesellschaft im Besonderen.
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Die „Rettungsaktion“ Klubraum:
Juli 2006 Bei der Begehung von Block V mit einem Historiker des „Prora-Zentrum e.V.“ unterbreite ich erstmals den Vorschlag, den Klubraum mit seiner rund zwanzig Jahre alten Rügenkarte zu erhalten. Sie und die braune Deckenbemalung demonstrieren nicht nur die damaligen Bemühungen, den Aufenthaltsraum der Bausoldaten etwas „ansprechender“ zu gestalten. Unter ihr haben unzählige Bausoldaten versucht, ihre „Frei“-Zeit, die sie meist im Bau verbringen mussten, irgendwie sinnvoll zu nutzen. Dr. S. stellt mir in Aussicht, sich mit mir und den Verantwortlichen nach Erwerb des Blocks V durch den Landkreis Rügen an einen runden Tisch zu setzen, um Konzepte zu erarbeiten.
Januar - August 2007 Ich stehe in Kontakt mit dem „Prora-Zentrum e.V.“, das ich als Vermittler für mein Anliegen vor Ort betrachten zu können glaube. Ein Verantwortlicher für meine Anfragen und Wüsche wird mir hier allerdings nicht benannt. Noch Anfang August erhalte ich die Mitteilung, es gäbe berechtigte Hoffnungen, den Klubraum erhalten zu können. Mit den Umbauarbeiten im Block würde ohnehin frühestens Anfang nächsten Jahres begonnen werden. Gleichzeitig wird mir bekannt gegeben, dass das „Prora-Zentrum e.V.“ bei der jetzt anstehenden Zeltplatzeröffnung mit einer eigenen Ausstellung präsent sein wird. Konkrete Pläne, mich mit meinem Anliegen betr. Bausoldaten einzubinden, existieren bis dahin nicht. Erstaunlich, angesichts meiner vielfältigen Forderungen seit Anfang des Jahres, mich bei der Eröffnung als „erinnernde Stimme“ etwa in Form einer Lesung einzubeziehen. Im Juli verärgert mich ein Artikel in Spiegel-online mit dem vielsagenden Titel „Das entnazifizierte Betonmonster“. Dem dort interviewten Binzer Bürgermeister scheint die Bedeutung des Ortes noch immer nicht bekannt zu sein. Ich schlage das Thema Prora, Block V verschiedenen Medien vor. Am 11. August schildert die FAZ mein Anliegen auf Seite 4, Politik. Zwei Wochen später nehme ich in Prora einen seit längerer Zeit anberaumten Termin mit NDR-Inforadio und kurzfristig auch mit Deutschlandfunk wahr.
Die Ereignisse vom 19. bis 21. August 2007 Anfang August beunruhigen mich Kartengrüße von der Insel Rügen, die von Spaziergängen in der Anlage künden. Am Sonntag, 19. August, gehe ich mit den genannten Sendern durch die Anlage, wobei ich deutliche Arbeitsspuren erkenne. Seit dem Sommer vergangenen Jahres haben sich die noch vorhandenen Details enorm verringert. Montag, 20. August, treffe ich mich vor Ort nochmals mit einem Journalisten, diesmal mit Herrn Küstermann vom Ostsee-Redaktionsbüro. Wieder begehen wir die Anlage. An jenem Tag werden im Bereich „Zug 2“ der zweiten Baukompanie verschiedene Fußböden mit Presslufthämmern bearbeitet. Die Arbeiter sind nur noch zwei Zimmer vom Klubraum entfernt. Ich erkenne den Fehler, mich auf die Zusagen und Vertröstungen seitens des „Prora-Zentrums e.V.“ verlassen zu haben und erwäge, den Klubraum am Folgetag ab 7 Uhr zu blockieren. Am Dienstag, 21. August, melde ich je ein Gesprächsgesuch bei der Landrätin und dem Kreisbauamtsleiter an. Letzterer ruft gegen neun Uhr zurück und wirkt zunächst in der Konfrontation mit meinem geschilderten Problem ungehalten. Von meinen Bemühungen hatte er bis dato nichts erfahren. Ich erhalte einen Termin um 12 Uhr in der Kreisverwaltung. In etwa anderthalb Stunden werden mir dann dort in freundlicher und zunehmend entspannter Atmosphäre die Umbaupläne erläutert, denen zufolge der Klubraum mit zwei weiteren Räumen zu einem Gruppenraum zusammengelegt werden soll. Die gegenüberliegenden Zimmer werden zu einer bereits in den dreißiger Jahren geplanten Liegehalle zurückgebaut. Ich bitte nochmals dringend um den Erhalt des Klubraumes, wozu auch der identische Fußboden gehört. Einen Baustopp über diesen Raum wurde bereits am Morgen erteilt. Sichern lässt sich der Raum aber angeblich nicht; dafür seien keine Mittel vorgesehen. Nach meiner Rückkehr nach Berlin erhalte ich eine Mail von Dr. S. („Prora-Zentrum e.V.), er habe von den Umbauarbeiten nichts gewusst und nun „sofort die Landrätin informiert und darauf gedrungen, den Raum und das Wandbild nach Möglichkeit zu schützen“. Am 24. August 2007 berichtet die Ostsee-Zeitung auf ihrer Bäderseite von meinen Bemühungen. Allerdings verkennt der Verfasser die im Buch „Der ‚Prinz von Prora’ im Spiegel der Kritik“ zusammengefassten Stimmen. Die Reaktionen ehemaliger Bausoldaten auf mein Buch blieben deutlich in der Minderzahl – leider!
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